Die alte Seilbahn von Tschiatura: Eine Fahrt in die Vergangenheit

Aktualisiert: 6. Dez 2019


Die klassische Touristenroute durch Georgien führt nicht unbedingt durch Tschiatura und zu seinen alten Seilbahnen. Was kann diese alte Minenstadt schon bieten? Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, es ist eine der ärmsten Regionen in ganz Georgien, das monatliche Einkommen beträgt im Schnitt nur 150 €.


Verlassene Häuser, kaputte Fassaden. Es sieht trostlos und grau aus, als wir durch die Stadt fahren. Alles ist zerfallen, der Zahn der Zeit nagt hier sichtlich an allem. Halbverlassene Betonbunker zieren das Stadtbild. Das bisschen Wasser, das durch den Qvirila Fluss fließt, ist an dem Tag genauso düster wie die Atmosphäre der Stadt.


Warum wir uns dennoch hierher verirrt haben? Wegen der Seilbahnen.


Seilbahnen, die in den 50ern und 60ern gebaut wurden, um den unteren Teil mit dem oberen Teil der Stadt zu verbinden und den Einwohnern und Arbeitern den Weg zur Arbeit bzw. in die Stadt zu erleichtern.


Tschiatura war einst die Stadt mit den meisten Seilbahnen der Welt. 70 Stück sollen es gewesen sein; zur Personen- aber auch zur Materialbeförderung.

Vor dem ersten Weltkrieg verfügte Tschiatura über das größte Manganerzvorkommen der Welt. Der Anteil lag bei sage und schreibe 60% der Weltproduktion. Das Blatt wendete sich in den letzten Jahrzehnten und seit den 90ern geht es mit der Stadt stetig bergab. Die Arbeit und der Manganerzabbau sind eingebrochen, die Einwohnerzahl hat sich fast halbiert. Wieso?

Von Anfang der Neunziger bis 2004 gab es keinen oder fast keinen Strom in der Stadt.

Gas und Wasserleitungsnetze sind völlig marode, Trinkwasser muss mühsam aus Brunnen beschafft werden, selbst in Hochhäusern wird heute teilweise noch mit Holzöfen geheizt.

1953 wurde in Tschiaturadie erste Seilbahn eröffnet. Busse oder öffentlichen Transport gab es lange Zeit keinen, die Seilbahnen waren die einzige Möglichkeit der Einheimischen sich durch die Stadt zu bewegen. Bis heute fahren die zwei Bahnen, die noch verkehren, täglich von früh bis spät hoch und runter, werden von Hand betrieben und waren eines der Highlights unseres Georgien Roadtrips.

Eine Seilbahnfahrt in die Vergangenheit in Tschiatura. Unsere Reisetipps und alles, was du vor deiner Reise dorthin wissen solltest, findest du in diesem Blogartikel.



In diesem Artikel findest du:


Anfahrt Die alten Seilbahnen Lohnt sich das? Die Zukunft Fazit



Anfahrt nach Tschiatura


Die alte Bergbaustadt Tschiatura liegt in der Imereti Region relativ zentral in Georgien an den Ausläufern des Kaukasus, rund 60 Kilometer von Kutaissi entfernt. Von Kutaissi fahren Marschrutki, die einen in 1,5 Stunden nach Tschiatura bringen.


Aus Tiflis ist man 2-3 Stunden unterwegs. Man kann Tagesausflüge ab Kutaissi und Batumi buchen, hierzu können wir allerdings nichts sagen, da wir mit einem eigenen Allradfahrzeug unterwegs waren. Alternativ könnte man sich ein Taxi für einen ganzen Tag mieten, Kosten hierfür ca. 100-150 Lari (35-50 €).

Blick auf Tschiatura

Wenn du schon mal in der Region bist: Einige Kilometer weiter befindet sich der Katskhi Pillar, ein markanter 40 Meter hoher freistehender Felsen, auf deren Spitze sich ein Kloster befindet. Ein kurzer Abstecher lohnt sich.



Die alten Seilbahnen


Laut aktuellem Stand (Juli 2018) sind noch 7 Seilbahnen in Betrieb. Zwei davon sind die Personenbahnen im Zentrum, mit denen auch wir eine Fahrt wagten.


So aufregend es für uns Touristen auch sein mag mit den uralten, verrosteten Bahnen zu fahren, desto katastrophaler ist die Lage für die Einheimischen.

Die Menschen, die im oberen Teil der Stadt wohnen, brauchen ohne Seilbahn bis zu einer Stunde in den unteren Teil der Stadt. Dadurch, dass nur noch zwei Bahnen fahren, sind einige Teile der Stadt "abgeschnitten" und der mühsame Weg nach unten nicht von jedem zu schaffen.

Wir sahen auf unserer Fahrt durch die Stadt viele verlassene und verfallene Seilbahn-Bahnhöfe. Darunter einer, von dem einst zwei Bahnen in zwei verschiene Richtungen fuhren. Heutzutage werden die Plätze vor den ehemaligen Seilbahnen als Marktplätze genutzt.


  • Die beiden Seilbahnen, die noch in Betrieb sind, fahren täglich von 7:30 Uhr bis 1 Uhr nachts.

  • Von 11:30 - 12:30 ist Mittagspause und von 22:00-22:30 ist noch mal eine abendliche Pause angesagt.

  • Die Fahrten sind kostenlos.

  • Wartezeit je nach Fahrgastaufkommen rund 10-15 Minuten.


Dadurch, dass wir genau zur Mittagspause in der Stadt ankamen, sahen wir keine einzige Bahn fahren und wollten nach knapp einer Stunde Umherirren weiterfahren. Zum Glück gaben wir nicht auf und hielten an einem tristen Gebäude an, das so aussah als würden von dort die Bahnen fahren könnten. Dort erblickten wir genau das, auf was wir gehofft hatten: Ein in die Jahre (oder Jahrzehnte) gekommener rostiger, braungelber Wagon.

Eine der uralten Seilbahnen von Tschiatura: Die Stalinbahn

Die Stalinbahn war 1953 die erste in Betrieb genommene Seilbahn der Sowjetunion. Dementsprechend sehen die Wagons aus. Verrostet, in zehn verschiedenen Farben gestrichen, die Farben mittlerweile wieder abgeblättert und vom Schmierfett überzogen. Das gibt den Wagons diesen unvergleichbaren Look.


Die Station, von der gleichzeitig auch die blaue Friedensbahn losfährt, ist ebenfalls in die Jahre gekommen. Kabel hängen von den Decken, die Zahnriemen rattern, man hört es klingeln, es fühlt sich an als wäre man in den 60ern unterwegs. Dazu der markante Gong, bevor sich die Türen schließen und die Fahrt nach oben beginnt.


Würdest du eine Fahrt riskieren? In eine Seilbahn steigen, die seit den 50ern fast durchgehend in Betrieb war? Die noch per Hand betrieben wird? Wir schon!

Die Stalinbahn


Die Tür der Stalinbahn öffnete sich quietschend, Hermann ging vor. In dem Moment fühlten wir uns, als ob wir in eine Zeitmaschine steigen. Alles war verrostet, Löcher im Boden des Wagons, die Fenster waren zerkratzt und matt. Nur ein kleines Fenster war geöffnet. 7 Personen dürfen gleichzeitig mit der Bahn fahren, eine davon ist die nette Gondeldame. Neben ihr hing ein kleines Telefon im Abteil. Für Notfälle? Ihr Russisch war leider nicht gut genug um meine Frage zu beantworten.


Die Fahrt mit der braunen Bahn ist eigentlich ganz gemütlich, und hat man erstmal ausgeblendet, wo man eigentlich gerade drinsitzt, fühlt sich alles ganz normal an.


In dieser Gondel gibt es zwei kleine Sitzbänke. Von einer aus hat man die Möglichkeit aus einem Fensterspalt zu schauen und frische Luft zu schnappen, Chiatura von oben zu betrachten oder sich mit ein paar Brocken Russisch mit der netten Gondeldame zu unterhalten. Was genau ihre Aufgabe ist - außer die Klingel zu läuten - konnten wir nicht herausfinden.

Eine Fahrt in die Vergangenheit

Nach dem Ausstieg gingen wir die Treppe hoch und standen auf einmal vor einem tristen Betonklotz aka. Wohnhaus. Die unteren Etagen waren leer, die Fenster notdürftig, wenn überhaupt mit Holzbrettern verbarrikadiert. Rausgeschlagene Betonpfeiler, die Fassade bröckelte. An den Fenstern der oberen Etagen hingen tatsächlich noch Gardinen. Hier wohnt jemand?

Hier stehen wir also - die Touristen - mit ihren dicken Kameras, die gekommen sind, um ein kleines Abenteuer zu erleben und die "gruseligen" Seilbahnen in Tschiatura zu filmen und eine Runde mit ihnen zu fahren. Ein paar Meter weiter leben Menschen in kompletter Armut und kämpfen wahrscheinlich Tag für Tag darum, über die Runden zu kommen. Ein Zwiespalt, wie wir ihn schon mehrere Male auf unserer Weltreise erlebten. Was tun? Kann man überhaupt etwas tun? In diesem einen Moment?


Riiiiiing. Riiiiing. Wir werden aus den Gedanken gerissen und machen uns auf den Weg zurück. Einsteigen, knarren, quietschen. Ein paar Minuten später, in denen die Gedanken noch einmal abschweifen, sind wir wieder im Tal.

Die Friedensbahn


Die Fahrt mit der blauen Friedensbahn war eine Nummer abenteuerlicher. Eine blaue, kleine Metallbox ohne Fenster aus dem Jahr 1964. Steiler, enger, schneller unterwegs.


Mit einer 48 Grad Neigung gehört sie zu einer der steilsten der Welt.

Die Fahrt ist kurz, dafür umso aufregender, gerade einmal 4 Personen dürfen pro Fahrt mitfahren. Es schaukelt, am Boden sind einige Spalten und rostige Löcher und der Blick durch die vergitterten Bullaugen auf die Stadt wirkt beengend. Das leise Geräusch des Ratterns begleitet uns die gesamte Fahrt, dann ein kurzer Ruck und wir sind da.


Die Fahrt mit der Friedensbahn ist besonders abenteuerlich

Oben angekommen befindet sich ein kleines Häuschen vom Seilbahnführer mit direktem Blick nach unten. Auch hier wird die Bahn per Hand bedient. Wir schauen rein und können nicht glauben, dass das alles so reibungslos funktioniert. Technik aus der Vergangenheit. Es sieht eher aus wie eine Spielzeugbahn. Ein Hebel hier. Eine Klingel dort. Beeindruckend.


Wir drehen uns um und gehen weiter zum Maschinenraum. Türen gibt es hier keine. Es rattert, poltert und dreht sich. Wir können ungestört filmen und sind erstaunt, nach welch simplem Prinzip die Seilbahnen betrieben werden.


Auf der Fahrt nach unten kribbelte es dann gewaltig. Es ging schnell und steil nach unten. In unseren Köpfen spielten sich unweigerlich Horrorszenarien ab: Das Seil reißt bestimmt gleich und wir stürzen mit der Gondel in die Tiefe. Hilfe!

30 Sekunden später kamen wir dann aber wohlbehalten an der Talstation an, wie Dutzende Einheimische jeden einzelnen Tag. Wir steigen aus, nicken der grinsenden Oma am Schalter zu und machen uns auf den Weg. Auf Nachfrage wurde uns übrigens versichert, dass es bis heute keine nennenswerten Zwischenfälle gab.


Lohnt sich eine Reise nach Tschiatura?


Auf jeden Fall! Wenn du an alten Seilbahnen oder einfach an Technik, Geschichte oder einer Stadt interessiert bist, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, empfehlen wir dir unbedingt einen Besuch von Tschiatura.


Die Zukunft


Die Zukunft der Stadt ist ungewiss, da in rund 15 Jahren das Manganvorkommen erschöpft sein wird. Die sicheren Arbeitsplätze, die die Minenstadt noch bietet, fallen dann weg. Die Einwohnerzahl hat sich seit Anfang der 90er, als das Problem mit der Strom-, Wasser- und Gasversorgung auftrat, fast halbiert und es gibt Befürchtungen, dass es nach dem Ende des Abbaus zu einem erneuten Einwohnerschwund kommen wird.

Eine neue, moderne Seilbahn befindet sich derzeit im Bau. Hauptstation liegt im Zentrum in der Nähe des Qvirila Flusses. Im Moment ist die Stadt Anwärter auf das UNESCO Industrieerbe, inwieweit sich das mit der Modernisierung der Stadt und den brandneuen Seilbahnen, die in ein paar Jahren wahrscheinlich die alten ersetzen werden, vereinbaren lässt, ist unklar.

Unser Fazit

Es war ein kleiner Blick in die Vergangenheit Georgiens. In eine Zeit, die wir uns heut nur noch schwer vorstellen können. Eine Zeit, in der zehntausende Männer von morgens bis abends im Untertagebau unter katastrophalen Bedingungen arbeiteten und die drahtigen Lebensadern der Seilbahnen die Stadt mit Leben füllten.


Eine Reise in die alte Seilbahnstadt lohnt sich.


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Kati + Hermann

Wir sind zwei Backpacker und Reiseblogger, die ihr konventionelles Leben vor vielen Jahren hinter sich gelassen haben. Auf unserer Weltreise erkunden wir ferne Länder und lassen uns gerne treiben. Am liebsten abseits des Mainstream. 

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