Tschernobyl Erfahrungsbericht: Ein Tag im Sperrgebiet

Aktualisiert: 10. Dez 2019

Vorwort:

26.4.1986 - Ein ganz normaler Tag in den 80ern.

Die Menschen in der Region gehen ihrem täglichen Leben nach. Kinderlachen erfüllt die Straßen, es wird getratscht, Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit, Rentner plaudern ausgelassen in den Gassen. Die Vorbereitungen für die Maifeierlichkeiten sind in vollem Gange, die Stadt freut sich auf den kommenden Feiertag und die Paraden.

Die Reaktoren des ortsansässigen Kernkraftwerkes sind am Horizont sichtbar, an Gefahr denkt hier jedoch niemand. Die sonst so einfache und ärmliche Region der Sowjetunion hat durch das Kraftwerk Wohlstand erreicht. Den Einwohnern geht es gut. Die moderne Stadt Prybjat ist ein Erfolg und eine Art "Idealstadt" in der kommunistischen Sowjetunion.

Als dann am 26.4.1986 um 1:23 Uhr bei einem Test so ziemlich alles schief geht, was schief gehen kann, passiert das vorher Undenkbare.

Etwas, wofür es keine Notfallpläne gibt, denn die Reaktoren des Tschernobyl Atomkraftwerks galten zu damaligen Zeiten mit als die sichersten der Welt. Als dann Reaktor Nr. 4 explodiert, wird eine Menge an Radioaktivität freigegeben, die bis heute ihresgleichen sucht. Einer der schlimmsten atomaren Unfälle in der Geschichte der Menschheit.

Nach dem Unfall wurde zwar eine Meldung nach Moskau heraus gegeben, in der jedoch alles heruntergespielt wurde. Es gab einen Zwischenfall, aber es ist alles unter Kontrolle. Unter Kontrolle war nichts, denn Radioaktivität strömte unaufhaltsam in die Atmosphäre und wurde vom Wind in umliegenden Regionen verteilt. Die Menschen vor Ort bekamen davon nichts mit.

Am 26.4. ging das Leben ganz normal weiter, obwohl nur einige Kilometer entfernt Arbeiter des Kraftwerks verzweifelt versuchten, die Situation unter Kontrolle zu bekommen und weitaus Schlimmeres zu verhindern.


Selbst als Soldaten am Nachmittag in Schutzanzügen und Atemmasken durch Prybjat marschierten, wagte niemand das sowjetische Regime anzuzweifeln.

Solange es keine Durchsagen gibt, ist auch alles in Ordnung. Sie werden schon wissen, was sie tun.

Die Strahlung, tausendfach so hoch wie für den Menschen unbedenklich, strömte währenddessen weiterhin unaufhaltsam in die Atmosphäre. Feuerwehrmänner versuchten in ihrer normalen Berufskleidung das ausgebrochene Feuer zu löschen. Viele von ihnen starben kurze Zeit später. Die Auswirkungen und die Gefahr konnte zu dem Zeitpunkt niemand einschätzen.


Zehntausende Menschen starben in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren. Qualvoll. Früh- und Totgeburten, Missbildungen, Krebs. Bis heute sind die Angaben der Betroffenen bzw. Opfer der Katastrophe widersprüchlich.

Die Region rund um Tschernobyl heute


Bis heute ist die Region rund um den Reaktor Nr. 4 in einer Zone von 10 Kilometern unbewohnbar. In der 30 Kilometer Zone - in der Stadt Tschernobyl selbst - leben und arbeiten heute bis zu 3500 Menschen in zwei Schichten. Die Strahlung dort ist nur geringfügig höher, als z.B. in einer Großstadt und noch unter dem Wert, ab dem es für den Menschen unbewohnbar und gefährlich wird.

Außerdem leben in der Sperrzone mittlerweile permanent wieder um die 140 Menschen. Meist Rentner, die ihre Heimat zwar nach dem Super-Gau gegen ihren Willen verlassen mussten, eines Tages aber den Drang verspürten, wieder 'nach Hause' zu kommen.


Die tödliche Gefahr immer da. Unsichtbar, nicht greifbar. Von vielen Menschen wurde sie anfangs - und teilweise bis heute - schlichtweg nicht verstanden.

Die Rentner, die mittlerweile wieder dort leben, versorgen sich weitestgehend selbst. Es gibt keine Shops, kein fließend Wasser.

Nur in der Stadt Tschernobyl selbst. Sie aber leben weit verstreut im gesamten Sperrgebiet. Der Altersdurchschnitt der Menschen liegt weit über dem des Standards in der Ukraine. In der Sperrzone sind sie weit über 80. Sie werden von der Regierung geduldet, weitere Rückkehrer wird es allerdings nicht mehr geben. Wenn die Rentner aufgrund von Altersschwäche oder Krankheit eines Tages sterben, so wird das Gebiet rund um den Reaktor (mit Ausnahme von Tschernobyl) wieder ausgestorben sein.

Das Heimatgefühl der Ukrainer hat einen ganz anderen Stellenwert, als den, den wir in westlichen Ländern kennen. Die Menschen sind verwurzelt mit der Region, ihren Familien, der Natur, einfach ihrem Zuhause. Und diese Heimat verlassen zu müssen, war damals das Schlimmste, was man hätte den Menschen dort antun können.



Unsere Erlebnisse in Tschernobyl

Als wir Freunden, Familie und Bekannten erzählen, dass es genau das ist, was wir unbedingt in der Ukraine erleben wollen, stand einigen die Fassungslosigkeit und das Unverständnis ins Gesicht geschrieben.

Warum wollt ihr dorthin? Was macht man dort? Ruinen anschauen? Ist das nicht gefährlich mit der Strahlung?


Kopfschütteln.

Nur ein kleiner Teil konnte unser Interesse teilen. Verständlich. Jedoch stand für uns ab dem Moment fest, als wir wussten, dass wir die Ukraine bereisen, dass wir das alles mit unseren eigenen Augen sehen und erleben wollten.


Diesen einschneidenden Tag in der Geschichte der Menschheit, der so grausam war, dass er nur schwer in Worte zu fassen ist.

Liquidatoren, die der tödlichen Strahlung ohne Schutz ausgesetzt waren, mussten direkt am Reaktor arbeiten, um eine weitere, noch viel verheerendere Explosion zu verhindern. Diesen Männern können wir bis heute dankbar sein, dass sie ihr Leben für uns alle opferten.


Wäre es damals zu einer weiteren Explosion gekommen, wären weite Teile Europas heute Sperrzone und für den Menschen unbewohnbar. 600.000 – 800.000 Männer begaben sich in Lebensgefahr, bekamen unvorstellbar hohe Strahlendosen ab und niemand warnte sie davor. Einfach niemand.

Diese Männer hatten keine Ahnung, welcher Gefahr sie sich aussetzten. Niemand konnte in dem Moment messen, wie hoch die Strahlung wirklich war. Die Geräte schlugen sofort auf Anschlag. Solche hohen Messwerte hatte es zuvor noch nie gegeben. Sie gingen nur sporadisch bis leicht geschützt in die Todeszone. In ihren sicheren Tod. Viele von ihnen verstarben in den nächsten Tagen/Wochen. Andere leiden bis heute.

Jedes Mal, wenn unser Guide die Geschichten der Menschen erzählte, bekamen wie eine Gänsehaut. Wir waren fassungslos und entsetzt, was diese unsichtbare Gefahr mit sich bringt.


Radioaktivität. Der Tod, den man nicht kommen sieht. Den man nicht riecht, sieht oder schmeckt.

Der unendliches Leid brachte und immer noch bringt. Der Generationen qualvoll leiden ließ. Der bis heute eine akute Gefahr darstellt und diese Region für Generationen unbewohnbar macht.


Ankunft an der 30 km Sperrzone


Wenn man die Kontrollen der 30 km Zone passiert hat und hinein fährt, sieht alles aus wie immer. Es grünt, die Sonne scheint, die Natur ist schön, wir sehen auf unserer Fahrt sogar wilde Pferde. Mittlerweile hat sich die Fauna wieder erholt, vermehrt und wieder angesiedelt. Tiere, die fast ausgestorben waren, kehren in die Region zurück.


Elche, Luchse, wilde Pferde, Schlangen und sogar Bären leben mittlerweile wieder im Gebiet der Sperrzone. Hätten wir keinen Geigerzähler dabei, auf den wir immer mal wieder einen Blick werfen, könnte man vergessen, wo wir gerade durch fahren.

Unser erster Stopp ist das Dorf Zalissya. Die ersten verlassenen Häuser. Das erste Mal Beklommenheit. Wir gehen hinein. Es ist still. Der Boden ist morsch und eingefallen. Überall liegen Zettel auf dem Boden. Alles riecht feucht und modrig.


Unsere Gedanken fahren Achterbahn. Wie waren die Menschen wohl, die hier lebten. Leben sie überhaupt noch? Und wenn ja, wo? Die ersten Tränen schießen hoch.

Unser Guide spricht die gesamte Tour fast ununterbrochen und versorgt uns mit wichtigen Infos. Über das Leben der Menschen, die Gebräuche, die Kultur, das Regime, den Notfallplan, den es eigentlich nie gab und die Auswirkungen auf Mensch und Natur.

Wir fahren weiter in die Stadt Tschernobyl. Immer noch in der 30 km Zone. In Tschernobyl selbst steht nicht das Kraftwerk, das explodierte, auch wenn man es aufgrund des Namens der Stadt vermuten mag. Einige Teile der Stadt sind verfallen, andere werden bis heute genutzt, z.B. als Verwaltungsgebäude.


Wir sind erstaunt, wie 'normal' es hier aussieht.

Ankunft an der 10 km Sperrzone


Als wir den Checkpoint der 10 km Zone passieren, warnt unser Guide uns vor der erhöhten Strahlung. Ab 0,3 Mikrosievert fängt das Gerät an dauerhaft zu piepen. Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Wir werden an dem Tag noch Werte über 51,5 Mikrosievert messen.

Die Straßen, die wir entlangfahren sind immer noch in recht gutem Zustand, erst als wir in Richtung Tschernobyl 2, oder dem Radar-Duga 2 abbiegen, wird es enger und holpriger. Dieses riesengroße, streng geheime Radargerüst diente zu Sowjetzeiten zur Aufklärung und Abwehr amerikanischer Interkontinentalraketen.

Wir passieren einen weiteren Checkpoint und betreten das Gelände. Es geht einige Minuten zu Fuß durch ein kleines Waldstück. Akazien blühen, Hummeln fliegen an uns vorbei, Vögel zwitschern, die Sonne brennt auf unserer Haut. Als wir dann vor dem Konstrukt stehen und hoch schauen, sind wir von der Größe des Gerüsts geflasht.


Es ist riesig und so geschickt platziert, dass man es selbst aus einigen Kilometern Entfernung nicht sieht, da es in einem dicht bewachsenen Waldstück steht. In den offiziellen Karten war es damals als Schullandheim eingezeichnet. Biegt man von der Hauptstraße ein, steht dort eine "Fake Bushaltestelle mit Bärchenmotiv" als Tarnung.



Weiter geht es nach Kopachi, ebenfalls einem kleinen Dorf, von dem allerdings heute so gut wie nichts mehr steht. Die meisten Häuser in der Region waren damals aus Holz gebaut. Da Holz aber so viel Strahlung aufnimmt, mussten sie dem Erdboden gleichgemacht und unter der Erde begraben werden.


Die 10 km Sperrzone dient außerdem als riesengroßer Friedhof für nuklearen Abfall. Die tausenden Autos der Stadt Prybjat und Tschernobyl, die alten Möbel, Maschinen und sonstiger Müll sind hier begraben. Wo genau, weiß niemand.

Wir machen an einem Betongebäude halt. Einem der wenigen, die im Dorf noch stehen... dem ehemaligen Kindergarten.


In unseren Gedanken hören wir Kinderlachen, sehen Kinder toben und auf dem Boden spielen, stellen uns vor, was das für ein schöner Ort gewesen sein muss. Dann Stille, die Gedanken schweifen ab. Bis unser Geigerzähler Alarm schlägt. Wir schauen auf die wenigen Spielzeuge, die noch verstreut auf dem Boden liegen. Alles ist verfallen, heruntergekommen und vermodert. Die kleinen Stahlbettchen, die dicht nebeneinander stehen berühren uns zutiefst.


Beklommenheit und Fassungslosigkeit. Die armen Menschen!

Wir gehen raus und unser Guide zeigt uns einen Strahlen Hot-Spot. Ein kleines Stückchen Erde direkt neben dem Gebäude. Es sieht normal aus, doch dort liegt die Strahlung 10 Mal über dem Höchstwert. Geht man 2 Meter weiter liegt sie nur noch knapp zwei Mal drüber.


Hätten wir keinen Geigerzähler dabei, wären wir uns der Gefahr nicht bewusst. Es sieht aus wie immer, es fühlt sich an wie immer, aber alles hat sich verändert.


Unser Mittagessen in der Kantine von Tschernobyl


Der nächste Stopp ist die Kantine unweit des Kernkraftwerks. Dort essen wir zu Mittag. Bevor es jedoch soweit ist, müssen wir unseren ersten Strahlencheck machen. Der erste von einigen, die an diesem Tag noch folgen werden. Unser Guide erklärt uns wie es funktioniert, wir passieren. Alles gut. Keine erhöhte Strahlung.

Zu Essen gibt es ukrainische Hausmannskost. Genau das Essen, welches die Arbeiter der Region bis heute noch zu Essen bekommen. Borschts, Kartoffelsalat, Hühnchen und Salat, Teilchen, Säfte.

Danach kommt eines der 'Highlights' der Tour, wenn man es denn so nennen mag. Etwas, das man sonst nur aus dem TV und den unzähligen Reportagen kennt. Etwas, das einem sofort in den Kopf kommt, wenn man an Tschernobyl denkt. Der Sarkophag. Der ursprüngliche, damals unter Hochdruck gebaute Mantel ist heute mit einer neuen, seit 2016 fertig gestellten Arche überzogen.



Der Sarkophag / die Arche


Es ist das größte bewegliche Konstrukt der Welt. Schon von weitem sieht es riesig aus. Wir wissen, dass wir relativ nah heranfahren werden, als wir dann jedoch Halt davor machen, steigen einige der Touristen bei uns im Bus nicht aus. Wir sind nur knapp 200 Meter entfernt.


Als wir aussteigen, sind wir erstaunt, als wir auf den Geigerzähler schauen, denn wir hätten weit höhere Strahlung erwartet. Man darf von dort nur in die Richtung des Denkmals und der Arche fotografieren. Alles andere ist aufgrund der Gefahr von Terroranschlägen verboten.

Da stehen wir also. An dem Ort, an dem die Tragödie ihren Lauf nahm. Wo Reaktor Nr. 4 explodierte. Vor 32 Jahren.

Wo seitdem nichts mehr ist, wie es mal war. Wo tausende Männer stödlich verstrahlten wurden und anschließend qualvoll starben und/oder bis heute leiden. Wo alles Erdenkliche getan wurde, um weitere Explosionen zu verhindern. 20 Jahre lang wurde es vertuscht, aber wäre es damals soweit gekommen, wäre Europa heute zur Hälfte unbewohnbar.

Wo bis 2001 die anderen Reaktoren noch in Betrieb waren. Wo niemals mehr Menschen leben werden. Von wo aus sich damals die "Wolke" über Europa ausbreitete. Wahnsinn. Wir stehen echt davor.

Lange bleiben wir nicht, nur für das obligatorische Foto und ein paar Videoaufnahmen. Hinter uns kommen schon die nächsten Busse angefahren, denn wer denkt, dass man die Region in Ruhe erkunden und auf sich wirken lassen kann, liegt falsch.


Bis zu 1000 Touristen strömen täglich (!!) in die Sperrzone. Tschernobyl ist ein 'boomendes' Geschäft.

Es gibt unzählige Touranbieter. Ob Privat-, Foto-, Mehrtages- oder Touristentouren... es ist für jeden Geschmack und Geldbeutel was dabei. Teilweise ist es schwierig Fotos ohne Menschen drauf zu knipsen. Auch wenn es auf unseren Fotos nicht so aussieht. Wir sind immer ganz hinten gegangen und haben so leider viel von den Erzählungen des Guides verpasst. Wenn man sich keine Privattour leisten kann oder will, muss man sich entscheiden. Beeindruckende, menschenleere Fotos oder Geschichten des Guides mit Fotos, auf denen eben Menschen zu sehen sind.


Prybjat: Eine Geisterstadt


Weiter geht es zum Ortseingangsschild von Prybjat. Die Stadt lag am nächsten zum Kraftwerk, die Strahlung hier am Schild ist hoch, sodass wir nur kurz für das Foto rausspringen dürfen. Bitte verlasst die Asphaltstraße nicht und bitte bleibt direkt am Bus. Wir fahren in 2 Minuten weiter. Unser Geigerzähler piept unaufhörlich. Die Zahlen schießen nach oben.

Neben dem Ortseingangsschild befindet sich der so genannte Rote Wald. Die Baumstämme verfärbten sich durch die Radioaktivität rot, was dem Wald seinen Namen gab. Unser Guide erzählte uns, dass die Bäume durch die hohe Strahlung und die erste radioaktive Wolke wie „verbrannt“ aussahen. Ohne Blätter, mit rotem Stamm.


Die Bäume waren so stark verstrahlt, dass sie dem Erdboden gleich gemacht und vergraben werden mussten. Bis heute ist diese Zone eine der verstrahltesten Regionen der Welt, denn hierhin blies der direkte Wind nach der Explosion. Heute sieht es dort 'ganz normal' aus. Die Gefahr, die man nicht sieht, ist hier allgegenwärtig.

Wir fahren einige Kilometer weiter, bis wir den dritten und letzten Checkpoint erreichen. Das Tor wird geöffnet, wir fahren langsam rein und sehen die ersten verlassenen Hochhäuser. Beklemmung. Wir fühlen uns hilflos. Wir steigen aus, der Geigerzähler piept. Wir starten unsere 2 Stunden Fußmarsch und Erkundungstour durch die Geisterstadt.


Prybjat. Auch hier Bilder, die man aus dem Fernsehen kennt.

Aus den dutzenden Tschernobyl-Reportagen, die wir beide schon gesehen haben, aber auch aus der Reportage "Die Erde nach dem Menschen".


Nirgendwo auf der Welt kann man so deutlich wie hier sehen, was passiert, wenn der Mensch eines Tages die Erde verlassen wird. Die Natur holt sich langsam alles zurück, was ihr einst genommen wurde. Die Gebäude sind verlassen, viele haben keine Scheiben mehr, alle anderen sind eingeschlagen. Die Möbel sind zu 95% entfernt und in der 10 km Zone begraben. Der Verfall ist deutlich zu sehen.

Unser Guide zeigt uns Bilder von früher. Vom schönen, damals modernen Prybjat. Wir können nicht fassen, dass wir genau an diesem Ort stehen, ihn aber kaum wieder erkennen können. 4-spurige Straßen sind heute zu zweispurigen zugewuchert, meterhohe Bäume haben sich ihren Weg am Beton entlang gesucht. Grosse, imposante Plätze sehen aus wie Ruinen.


Die Strahlung an manchen Orten ist extrem gefährlich, wir halten uns dort nur wenige Sekunden auf. Unser Guide führt uns an einem Café, Hotel, Geschäften, Restaurants, Verwaltungsgebäuden, dem kleinen Vergnügungspark und der Rennbahn vorbei. Bis 1996 wurden in Prybjat noch einige Gebäude von Firmen genutzt, danach wurden die Außenstellen alle ins 'sicherere' Tschernobyl verlegt.


Gebäude dürfen in Prybjat seit 2012 nicht mehr betreten werden, sie gelten als zu marode und einsturzgefährdet. Das Krankenhaus, den Pool, die Fotos, die man von früheren Touren kennt... all das sehen wir nicht.

Unser Kopfkino spielt einen 2-stündigen grausamen Film.

Wir stellen uns vor, was für eine pulsierende Stadt das einst gewesen sein muss. Wie Autos und Busse die Straßen entlang fuhren, wie die Menschen sich auf die Maifeierlichkeiten freuten und wie die Kinder es wahrscheinlich nicht mehr abwarten konnten eine Runde auf dem Riesenrad zu drehen. Der kleine Vergnügungspark stand schon in den Startlöchern. Mit ihm sollte auch die angrenzende Rennbahn am 1.5.1986 eröffnet werden.

Nicht ein einziges Kind ist auf dem Riesenrad oder Autoscooter mitgefahren, denn 5 Tage vor Eröffnung passierte die Katastrophe.

Wir stellen uns vor, was hier für ein Durcheinander geherrscht haben muss, als es hieß: Ihr müsst die Stadt verlassen. JETZT. Ihnen wurde nicht erklärt wieso. Sie dachten, sie kommen nach ein paar Tagen wieder. Ein paar willkommene Tage frei. Eingepackt wurden schöne Kleider und Essen, anstatt wertvolle Erinnerungsstücke.

Wir stellen uns vor wie hier 1300 (!!) Busse hintereinander bereitstanden, um die Menschen einzusammeln. Wie die Bewohner in die umliegenden Regionen "verteilt" und von fremden Familien aufgenommen wurden. Wie sie dachten, dass nach ein paar Tagen das gewohnte Leben weitergeht. Und dass sie sich nicht verabschieden konnten von ihrem geliebten Zuhause.

Wir laufen weiter. Schauen hoch, nach rechts, nach links. Sehen kaputte Schilder, zerschlagene Scheiben, die Natur, die sich ihren Weg bahnt. Wir sind entsetzt, sprachlos und traurig zugleich. Wir stellen uns vor, wie es gewesen wäre selbst betroffen zu sein. Angehörige, Freunde, Nachbarn zu verlieren an einen Feind, den man nicht sieht.


Tschernobyl. Es war ein Tag, den wir niemals vergessen werden.

Warst du schon mal in Tschernobyl oder plant es noch? Wie hast du dich gefühlt? Schreib's uns in die Kommentare.

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