Rentiere in der Mongolei: Ein Besuch bei den Tsaatan Rentier Nomaden


Die Tsaatan Nomaden und ihre Rentiere leben nordwestlich des Khuvsgul Nuur Sees in den Bergen und Tälern der Taiga, unweit der russischen Grenze. Die Region gehört zu einer der am wenigsten erschlossenen Regionen der Mongolei.


Die Nomaden nennen sich selbst Tsaatan = „die mit den Rentieren leben”, stammen allerdings von den Tuva ab, die im Süden Sibiriens heimisch sind und dort mit ihren Rentierherden leben.

Das Leben der Tsaatan-Nomaden richtet sich einzig und allein nach dem Instinkt der Rentiere. Dieser Instinkt bestimmt, wo die Familien ihre Tipis aufschlagen und wann und wohin sie weiterziehen.



Wir nehmen dich in diesem Blogartikel mit zu den Tsaatan Rentiernomaden und erzählen dir etwas über ihre Lebensweise, das Miteinander, den Zusammenhalt, aber auch über die Problemen, denen sie sich stellen müssen.


Außerdem verraten wir dir ob es möglich ist, die Nomaden auf eigene Faust zu besuchen oder ob man eine geführte Rentier Tour buchen sollte. Und: Wie authentisch das Ganze noch ist.



In diesem Blogartikel findest du:


Wie leben die Nomaden in der Mongolei?

Wer sind die Tsaatan Rentier Nomaden?

Probleme der heutigen Zeit

Anreise zu den Tsaatan

Was kostet es, die Tsaatan Nomaden zu besuchen?

Muss ich eine Rentier Tour buchen oder kann ich auf eigene Faust anreisen?

Ist das alles authentisch und echt?




Wie leben die Nomaden in der Mongolei?


Die Rentier Nomaden leben weit abseits jeglicher Zivilisation in tipi-ähnlichen Zelten, den so genannten Urts. Die Tipis werden traditionell mit Rentierfell oder festem Canvastoff verkleidet. Ihre Lager liegen weit ab vom letzten mit dem Auto erreichbaren Ort Tsagaanuur und sind nur mit dem Pferd erreichbar.


Traditionelles Tipi der Tsaatan Nomaden

Den Winter verbringen die Tsaatan normalerweise im tiefer gelegenen Wald der Taiga auf etwa 1800 m, denn bei eisigen Temperaturen von bis zu -30 bis -50 Grad bietet der Wald Schutz und viele Vorteile. Die Rentiere finden auch hier im Schnee noch Nahrung in Form von Flechten und Moosen.


Die Taiga ist eine besondere Art von Nadelwald, die es nur im hohen Norden gibt. Das Wort Taiga kommt aus dem Russischen und bedeutet so viel wie: dichter, oft sumpfiger und undurchdringlicher Wald.


Mehrere Male im Jahr packen die Nomaden all ihr Hab und Gut zusammen und wechseln je nach Jahreszeit ihren Standort, um nach dem besten Spot für ihre Rentiere zu suchen. Meist liegt dieser Ort oberhalb der Baumgrenze auf über 2000 Metern.


Im Frühling/Sommer geht es aus dem Wald der Taiga zurück in die recht karge Bergtundra, eine offene, baumfreie Landschaft, die hauptsächlich von verschiedenen Gräsern, Sträuchern, Moosen und Flechten dominiert wird. Der Permafrostboden lässt eine andere Vegetation nicht zu.


Schneefelder im Hochtal aus der Luft

Zu den charakteristischen Merkmalen der bergigen Tundra gehören Eisfelder, von den Einheimischen Munkh mus genannt. Während der Sommermonate ziehen die Nomaden zu den Eisflächen, um den Rentieren Abkühlung zu verschaffen und sie vor dem Überhitzen zu schützen. Das Eis schützt die Tiere und auch ihre Hirten außerdem vor unangenehmen Insekten und bietet Trinkwasser.


Rentiere und Kati auf einem Schneefeld irgendwo im Nirgendwo in der Mongolei


Wer sind die Tsaatan Rentier Nomaden?


Die Tsaatan Rentiernomaden (auch Dukha genannt) sind Teil der Tuva, einer ethnischen Gruppe aus Russland. Sie siedelten von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts aus Südsibirien über, als sie zwischen verfeindete Fronten gerieten. Infolge der russischen Revolution und dem Zerfall des chinesischen Kaiserreichs entstand die Mongolische Volksrepublik. In den 1920er Jahren durchzog dann plötzlich eine Grenze den Lebensraum der Tuva.


Viele Rentier Nomaden verließen die Region in Russland in den folgenden Jahrzehnten außerdem, um den Schrecken des 2. Weltkrieges zu entkommen. Erst im Jahr 1955 bekamen die Tsaatan Nomaden die mongolische Staatsbürgerschaft.


Heute leben in der Mongolei nur noch etwa 30-40 Nomadenfamilien (um die 200-300 Personen) mit etwa 600-1000 Rentieren.

Der Stamm der Dhuka ist deshalb vom Aussterben bedroht.


Schlafendes Rentier vor einem Tipi

Der Tradition nach leben sie seit Jahrhunderten als Rentierhirten, Jäger und Sammler und bewegen sich dabei frei durch die endlosen Weiten des mongolischen Nordens.


Im Sommer durchstreifen die Tsaatan-Nomaden die Tundra, die baumlose Steppe der Mongolei, den Winter verbringen sie in tieferliegenden Gebieten und im Schutz des Waldes in der Taiga.


Ihre Existenz geht Hand in Hand mit den Bedürfnissen der Rentiere ein. Die Tiere brauchen Höhen von etwa 2000 m, denn nur hier wachsen im lichten Lärchenwald die Flechten, die ihre Hauptnahrung sind.


Die Tsaatan Nomaden halten die Rentiere als Reit- und Packtiere, trinken ihre Milch, verwenden die Haut zum Bau ihrer Tipis und erhalten durch den Verkauf von Geweihen das bisschen Geld, das sie zum Leben brauchen. Viele der übrig gebliebenen Familien leben heute vom Tourismus und er ist mittlerweile die größte Einnahmequelle der Tsaatan Nomaden.


Tsaatan Junge bereitet die Rentiere zum weiden vor

Während die Nomaden in früheren Zeiten komplett isoliert lebten, geht es in den kleinen Camps heute moderner zu: Telefone und Fernseher verbinden die Dukha mit der Außenwelt, vor den traditionellen Tipis stehen Solarpanels. Die Kinder werden in die nächsten Dörfer auf das Internat geschickt und verbringen lediglich die Ferien in der Steppe.


Zusammenhalt der Familie


Das Zusammenleben in der Familie und die alten Traditionen spielen eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft der Tsaatan.

Die Aufgabenteilung ist traditionell, die Männer und Jungs kümmern sich meist um die Beschaffung des Feuerholzes oder das Eintreiben der Tiere; die Frauen und Mädchen kümmern sich um das Kochen, das Melken der Rentiere in der Früh, helfen beim Hüten und Anbinden der Tiere und kümmern sich um das Wohl der Gäste und anderer Nomaden, die zu Besuch kommen.



Schamanische Tradition


Die weitverbreitetste Religion der mongolischen Nomaden ist der Schamanismus. Er spielt bis heute eine große Rolle im täglichen Leben.


Im Schamanismus haben Menschen, Tiere und alle Dinge in der Natur eine Seele/einen Geist, mehrere Bedeutungen und unterschiedliche Charaktere. Der Unterschied zwischen Seele und Geist im Schamanismus ist, dass nur Menschen eine Seele haben, während der Geist ein abstrakter Begriff ist, der sich auf ein breites Spektrum natürlicher Ereignisse bezieht.


Beim Schamanen geht die Seele seines Körpers während eines besonderen Rituals auf eine Art Traumreise und kann neben Vorfahren auch mit verschiedenen Geistern kommunizieren und so eine Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits herstellen.


Die Tsaatan Nomaden glauben daran, dass zwischen den lebenden Menschen, ihren Vorfahren und den Rentieren eine starke geistige Verbindung existiert.

Ihr Ziel ist, in vollkommener Harmonie und Einklang zu leben, indem sie Wertschätzung vor Natur und den Tieren zeigen. Die Verbindung zwischen ihnen und den Vorfahren bleibt dabei nur dann kraftvoll und stabil, wenn sie in Harmonie leben und mit der Natur um sich herum kommunizieren.


Wie ernähren sich die Rentiernomaden?


Die Tsaatan Nomaden ernähren sich von hauptsächlich von Wildtierfleisch (auch Fischfang) und Mehlprodukten. Sie stellen Teige her, aus denen sie Brot, Knödel oder eine Art von Pasta kochen oder backen.


Als Selbstversorger leben sie zum großen Teil direkt von den Erzeugnissen ihrer Rentiere. Sie verarbeiten deren Milch zu Käse, Joghurt oder geben sie dem traditionellen mongolischen Milchtee bei. Rentiermilch hat einen 5 x höheren Fettgehalt als Kuhmilch, das sichert unter anderem eine fettreiche Ernährung, die besonders im Winter bei den eisigen Temperaturen der Mongolei wichtig ist.


Einnahmequellen der Tsaatan


Heutzutage ist der Tourismus die größte und meist einzige Einnahmequelle der Tsaatan-Nomaden.

Sie bieten meist Übernachtungen in ihren Tipis an. Außerdem werden aus Rentiergeweihen Schmuck und Souvenirs geschnitzt, die in den Camps an Touristen verkauft werden.


Traditionelles Tsaatan Tipi von innen

Rentierfleisch-Handel findet so gut wie nicht statt, denn das Fleisch gilt unter Mongolen als eher unbeliebt. Deshalb ist der Verkauf von Rentierfleisch keine geldbringende Option.


Die Sprache der Tsaatan Nomaden


Die tuwinische Sprache der Tsaatan, die zu den Turksprachen gehört, ist vom Aussterben bedroht. Die Generation der 35 bis 40-jährigen ist die letzte, die die ursprüngliche Muttersprache der Dukha noch beherrscht, die jüngeren Generationen haben Tuwinisch schon nicht mehr gelernt. Mittlerweile wird die Grammatik in Textbüchern festgehalten, damit die traditionelle nomadische Sprache für kommende Generationen nicht weiter in Vergessenheit gerät.



Probleme der Nomaden in der heutigen Zeit


Kulturelle Identität


Zum Schutz des Ökosystem machte die Mongolei 2012 einen Großteil des traditionellen Weidelandes der Tsaatan zum Nationalpark und gab ihnen vor, wohin sie wandern und sich bewegen dürfen.


Die mongolische Regierung zahlt ihnen im Umkehrschluss eine monatliche Abfindung für die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. Die Nomaden befürchten aber nicht nur finanzielle Verluste, sondern haben Angst ihre Identität zu verlieren. “Der Schmerz sitzt tief und es fühlt sich an, als hätten wir etwas verloren." sagte uns ein Tsaatan Nomade in unserem Camp.


Klimawandel


Den Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung, spüren die Rentiernomaden ganz besonders. Von Jahr zu Jahr wird die Eisdecke, die die Rentiere zum Überleben brauchen um nicht zu überhitzen, kleiner und kleiner, an manchen Orten ist sie in den Sommermonaten mittlerweile komplett verschwunden. Das zwingt die Nomaden im Sommer in immer höhere Lagen zu ziehen und dort ihre Zelte aufzuschlagen.


Die mongolische Hochebende und Lebensraum der Tsaatan Nomaden

Haltung der Rentiere


Die Rentiere leben im direkten Umkreis der Nomadenfamilie. Meist befindet sich ihr Bereich zwischen den Tipis, wo die Rentiere über Nacht an Holzpflöcke gebunden werden, damit sie nicht ausbüchsen können. Die Hunde der Familie sind darauf trainiert, bei Annährung von Fremden oder Wölfen Alarm zu geben und die Familie zu warnen.


Mädchen bindet die Rentiere über Nacht an Holzpflöcke, damit sie nicht ausbüchsen

Tagsüber werden die Rentiere zum Weiden aneinandergebunden. Meist ein temperamentvolles Tier und ein fauler Genosse, damit sie nicht ausbüchsen. :) Die Tiere grasen tagsüber immer in Sichtweite der Familie, sodass im Falle eines Ausbruchsversuchs oder einer Vermischung mit einer anderen Herde direkt reagiert werden kann.


Die Rentiere werden zum Weiden aneinandergebunden

Am späten Nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang, wird die Herde zurück zum Tipi Camp getrieben.



Anreise


Die Anreise zu den Tsaagan Rentier-Nomaden gestaltet sich als extrem zeitaufwändig. Startest du von Ulan Bator, solltest du mindestens 3-4 Tage für die einfache Anreise einplanen. Von der Hauptstadt der Mongolei geht es etwa 1000 km über Mörön bis in den Ort Ulan-Uul, von dort aus über Holperpisten teilweise im Schritttempo in die Tsaagannuur Region. Dort geht es dann auf dem Rücken von Pferden in die Berge. Nach einem 6-9 Stunden Ritt erreicht man die Tsaagan Rentiernomaden.


Die Anreisezeit auf dem Pferd variiert innerhalb des Jahres, weil die Tsaatan Nomaden ihre Lager je nach Temperatur mal höher, mal tiefer gelegen in den Bergen aufschlagen.


Die Tsaatan Nomaden sind nur mit dem Pferd erreichbar

Was kostet es, die Tsaatan Nomaden zu besuchen?


Mit einer Tour


Viele Touristen besuchen die Tsaatan Nomaden während einer mehrwöchigen geführten Tour, die sie durch die Mongolei buchen. Hierbei gibt es unter anderem Privattouren im eigenen Allradwagen oder Gruppen von bis zu 8 Personen, die im Geländewagen über die holprigen Pisten gefahren werden. Preise für diese Touren starten bei etwa 50$ pro Tag und reichen bis zu 100$+ p.P. bei einer privaten Tour.


Die eigentliche Übernachtung in einem Tipi bei den Rentiernomaden kostet etwa 10$ pro Nacht/Person.

Die Verpflegung und die Anreise mit Auto und Pferden wird dabei von der Touragentur übernommen.



Individuell


Möchtest du diese Erfahrung individuell organisieren, kannst du dich z.B. ab Ulan Bator bis in den Ort Ulan-Uul fahren lassen und von dort aus einen Transport mit Einheimischen in die Tsaagannuur Region organisieren lassen. Achtung, die Entfernung liegt bei etwa 1000 km und du solltest mehrere Tage für diese Reise einplanen. Verhandele unbedingt die Preise und vergiss nicht, dass du bei dieser Strecke auch die Unterkunft und Verpflegung für deinen Fahrer bezahlen musst.


Achtung: Es geht stundenlang querfeldein über holprige Pisten. Sollte dir auf langen Autofahrten schnell schlecht werden, nimm dir unbedingt etwas gegen Übelkeit mit.


In der Traagannuur Region kannst du bei einer mongolischen Familie übernachten (Preis ~10-15$ p.P.).


Vor Ort kannst du dir für etwa 20-30$ pro Tag ein Pferd mieten und einen erfahrenen Guide mit Pferd organisieren (Preis ist hierbei Verhandlungssache) und losreiten.


Realistisch gesehen, solltest du mindestens 2 Nächte bei den Tsaagan Nomaden verbringen, da sich sonst der ganze Aufwand nicht lohnt. Die einfache Anreise aus Ulaan Bator dauert etwa 3-4 Tage.

Luxus solltest du dabei keinen erwarten, es gibt keine richtigen Toiletten (meist ist es ein Donnerbalken), bei den Tsaatan Nomaden gibt es gar keine Toiletten und auch kein fließend Wasser und du übernachtest in Tipis (die teilweise undicht sind) auf Bretterbetten.


Wasserabweisende und warme Kleidung ist sehr wichtig und sollten auch im Sommer mit eingepackt werden. Selbst im Juli kann es nachts Frost geben.



Muss ich eine Rentier Tour buchen oder kann ich auf eigene Faust anreisen?


Du kannst definitiv auf eigene Faust ohne Rentier Tour anreisen, solltest dabei allerdings genug Zeit, Nerven, Sitzfleisch und Bargeld mitbringen. :)



Ist das alles authentisch und echt?


Auf der einen Seite ja, auf der anderen nein.


Das Leben der Rentier Nomaden und den Einblick, den man während seiner Zeit weit abseits jeglicher Zivilisation bekommt, ist definitiv authentisch und echt.


Tsaatan Junge reitet auf einem Rentier

Auf der anderen Seite vertrauen die Tsaatan Nomaden mittlerweile auf die Touristen und das Einkommen, was daraus für die Familien resultiert. Ohne die Touristen würde der Stamm der Tsaatan wahrscheinlich schneller aussterben. Man kann schon fast sagen, dass es die Tsaatan nur noch aufgrund der Touristen gibt, da sich viele Nomaden dazu entscheiden, diesen Lebensstil aufrecht zu erhalten oder sogar wiederzubeleben, um etwas Geld zu verdienen.



Nichtsdestotrotz würden wir einen Besuch empfehlen.


Für uns war der Besuch der Nomaden eine der prägendsten Erfahrungen, die wir während unserer Mongolei Reise machen durften.

Alle unsere Erfahrungen und Erlebnisse findest du demnächst in unserem separaten Blogartikel.



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Wir sind zwei Backpacker und Reiseblogger, die ihr konventionelles Leben vor vielen Jahren hinter sich gelassen haben. Auf unserer Weltreise erkunden wir ferne Länder und lassen uns gerne treiben. Am liebsten abseits des Mainstream. 

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