Fitzroy Crossing: Eine Tierrettungsstation mitten im australischen Outback

Aktualisiert: Juli 23


Und wo liegt die Tierrettungsstation mitten im australischen Outback oder besser gesagt: Das Ende der Welt? Ganz genau, in Fitzroy Crossing!

Jedenfalls haben wir uns das schon ein paar mal so gedacht. Fitzroy Crossing ist ein kleiner Ort mitten im Nirgendwo des australischen Outbacks in den Kimberleys im Nordosten des Landes. Das nächste "Städtchen" liegt schlappe 300 km entfernt und es gibt in Fitzroy Crossing nur einen kleinen Supermarkt, eine winzige Post, ein Geschäft, in dem man Werkzeuge und dergleichen kaufen kann und ein Geschäft, das ein paar Klamotten verkauft.


Warum man hier dennoch anhält, ist schnell erklärt: Es gibt in der nahen Umgebung den Geiki Gorge National Park. Ein überschaubares, aber wunderschönes Areal mit einer beeindruckenden Schlucht, die der Fitzroy River über Jahrmillionen in den Fels gefräst hat, dazu zwei Tankstellen und ein paar Übernachtungsmöglichkeiten.

Das Schöne an dieser ruhigen 1000-Einwohner-Stadt ist, dass es hier nur so von wilden Tieren wimmelt. Man ist umgeben von Wallabies, Kakadus, Papageien, Goanas, Schlangen und Süßwasserkrokodilen, um nur einige zu nennen.


Um es kurz zu fassen - Die Kimberleys sind ein wahres Naturparadies.

Fitzroy Crossing ist nun schon seit mehr als 3 Jahren unsere Heimat und von hier starten wir Ende diesen Jahres unsere Weltreise.


Jeden Morgen wachen wir auf und Dutzende von süßen Wallabies hocken vor unserem Wohnbereich und mampfen genüsslich das immergrüne Gras, das Dank der zahlreichen Rasensprenger das ganze Jahr über wächst. Wallabies haben kaum Scheu. Schleicht man sich an, vor allem im Dunkeln, kann man recht nah an die flauschigen Tierchen gelangen.


Das mag zwar süß sein, doch das Problem ist ein anderes, und zwar, wenn sich statt eines Menschen ein Auto "anschleicht". Irgendwie scheint diesen Tieren der Sinn für Gefahr zu fehlen oder sie finden Autos so anziehend, dass sie sich Nachts "reihenweise" davor stürzen.

In der Trockenzeit, wenn die Stadt von Durchreisenden belagert wird und sich die Aboriginals längst in ihre Communities abseits des Ortes verzogen haben, liegen die toten Tiere zu Dutzenden auf der Straße. Viele sind sofort tot, manche nicht. Sie liegen halb benommen, schwer verletzt und blutend am Straßenrand, während über ihnen schon wartend die Adler ihre Runden drehen.


Die Tierrettungsstation in Fitzroy Crossing


Doch es gibt Rettung: Tamela ist ihr Name. Wer auch immer ein verletztes oder krankes Tier findet, der kann es 24/7 zu ihr bringen. Tamela ist eine Einheimische, die eine Art Tierrettungsstation betreibt und sich aufopferungsvoll um flauschige Freunde aller Art kümmert.

Baby Wallaby wird von Hermann gefüttert
Die Tierauffang- und Rettungsstation von Tamela in Fitzroy Crossing
Putzige Wallabies

Wenn ich hier Tierrettungsstation schreibe, meine ich eher, dass sie die verletzten Tiere bei sich zu Hause aufnimmt, pflegt, füttert, aufzieht, ihnen ein Heim gibt und sie nach einer gewissen Zeit wieder in die Wildnis entlässt. Es ist das ehrgeizige Projekt einer "Crazy Animal Lady", wie Tamela sich gerne mit einem Augenzwinkern selber nennt.

Wir hatten schon vor einer Weile von ihr gehört, wollten mal vorbei schauen, um zu sehen, wie sie ihren Tagesablauf rund um die verletzten Kerlchen gestaltet und ihr unter die Arme greifen. Denn: Hilfe ist immer erwünscht.


Alles was sie macht ist freiwillig, soll heißen, dass sie keinerlei Unterstützung vom Staat oder einer offiziellen Stelle erhält. Sie geht einem normalen Job nach und steckt fast das gesamte Geld, das sie verdient, in ihre Herzensangelegenheit.

Als wir an ihrem Haus ankamen, hörten wir es schon gackern. Überall flitzten kleine Hühnchen umher und Hähne buhlten um die Aufmerksamkeit der Hennen. Wir warteten am Eingangstor auf Tamela und konnten im Vorgarten schon ein kleines Gehege sehen, in dem sich Baby Wallabies tummelten. Die Tür des Hauses öffnete sich und Tamela kam, gefolgt von einer Schneeflocke auf uns zu. Ja, eine Schneeflocke! Eine laufende noch dazu. Kati taufte sie sofort Lydia und für alle die es nicht glauben, hier das Beweisfoto. :)

Lydia, das Schneeflockenhühnchen

Tamela begrüßte uns herzlich, so als würden wir uns schon ewig kennen und führte uns in ihr Haus in Richtung Küche. Auf dem Fußboden stand ein kleiner Korb, der mit plüschigen Decken ausgelegt war. Wir setzten uns auf die Küchenbank und bekamen ein Kaffee angeboten.


Kati und ich starrten beide auf diesen Korb mit den bunten Decken. Warum steht der da? Sind da etwa..? Kleine....?

Schau, es bewegt sich!

Kati fragte sofort, ob sie mal einen Blick hinein werfen darf.


Sure! Go ahead, it's four in there.

Niedlichkeitsfaktor 10.000. Ein Baby Wallaby eingemummelt in warmen Decken
Vier? Kati schob die Decken etwas zur Seite und schon sprangen ihr zwei riesige, schwarze Knopfaugen entgegen. Babywallabies! Süüüüüüüüß!

So klein und so zerbrechlich. Eines war schon etwas größer, sofern man überhaupt "größer" sagen kann, ein weiteres hatte noch nicht einmal Fell und war ganz tief in den warmen Decken eingehüllt. Alle vier teilten aber das gleiche Schicksal. Ihre Mütter wurden von Autos angefahren und verstarben noch an der Unfallstelle, während die Babies im Beutel überlebten und zur Rettungsstation gebracht wurden. Nun sind sie hier, werden umsorgt, aufgepäppelt und auf ein Leben in der freien Wildbahn vorbereitet.

Tamela erzählte uns von all den Tieren, um die sie sich kümmert und das sie verschiedene Gehege für verschiedene Altersstufen der Tiere gebaut hat. Kängurus, Wallabies, Bush Turkeys, Eulen, Cockatoos, Emus, Hühnchen, Tawny Frogmouths und Skates (eine Art australischer Bussard) wachsen hier auf.

Ein Australischer Bussard sagt Hallo

Darüber hinaus kommen allerlei wild lebende Tiere vorbei, weil sie anscheinend auch von Tamelas Gastfreundschaft gehört haben. :)


Darunter ist ein Paar Brolga Kraniche. Einer von ihnen hat sich durch einen Unfall den Schnabel verdreht. Er kann nur schwer trinken und eigentlich nicht alleine fressen. Sein Partner hilft ihm und versucht ihn mit kleinen Insekten zu füttern. Die beiden Kraniche kommen jeden Tag zur Station geflogen, wo sie dann von Tamela gefüttert werden. Ohne sie wäre der eine von ihnen wohl schon längst verhungert.

Zwei wilde Brolga Kraniche schauen auch gerne bei Tamela vorbei

Wir persönlich finden es komplett abgefahren, dass so viele verschiedene Tiere dort so friedlich miteinander leben und teilweise von alleine dort hin kommen.



Ran an die Arbeit!

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken und einen ersten Eindruck bekommen hatten, machten wir uns an die Arbeit. Wir waren ja schließlich hier, um zu helfen. Tamela gab uns die Instruktionen und wir führten sie aus. Als erstes stand das gemischte Gehege mit Kängurus und Wallabies auf dem Programm.

  • Harke?

  • Schlauch?

  • Bürste?

  • Schubkarre? Schubkarre! Die werdet ihr brauchen.

Let's go!

Ran an die Arbeit: Kängurufütterung

Also rein ins Gehege und los ging's. Erstmal die ganzen Kökel und die trockenen Blätter und Äste zusammen harken. Oh je, hier ist ja alles voll, überall! Ich konnte nicht glauben was ich sah, alles voller Kökel. Das soll von einem Tag sein?

Ich beobachtete die Tiere kurz und konnte tatsächlich sehen, wie sie etwas Heu fraßen und im selben Moment daraus einen Köttel produzierten. Haha, so schlimm wars nun nicht... aber fast. Wir harkten alles zusammen, reinigten die Wassernäpfe und füllten das Futter nach.


Als ich die Futtertonnen im Gehege öffnete, um etwas Heu heraus zu holen, bemerkte ich etwas, das mir unendlich leid tat.

Alle Wallabies und Kängurus waren etwas nervös und nahmen Reißaus, da sie uns noch nicht kannten. Nur eines schien nicht vom Fleck zu kommen, es wollte weghüpfen, schien aber mehr zu stolpern und immer wieder zu stürzen ohne irgendwie vorwärts zu kommen. Dann sah ich, dass dem Tier ein Bein fehlt. :( Ein Bein reicht leider nicht um wegzuhüpfen, noch nicht mal ansatzweise. Das arme Ding würde hundertprozentig sterben, wäre es nicht bei Tamela in der Tierrettungsstation. Was aber wiederum heißt, dass dieses Känguru für immer dort leben und nicht mehr in die Freiheit kommen wird.

Ich habe nur ein Bein, aber ich lebe. Und nur das zählt!

Die erste Schubkarre war mittlerweile voll mit Kötteln und es sollten noch viele mehr folgen. Wir arbeiteten uns von Gehege zu Gehege und wurden mal mehr mal weniger freundlich von den Tieren dabei beobachtet. In einem Gehege liefen ein paar Bush Turkeys, zu deutsch Buschtruthähne, herum. Diese Truthähne sind nicht zu vergleichen mit Truthähnen, wie man sie aus Deutschland kennt. Diese hier waren viel größer, gingen mir bis etwas über die Hüfte, und leicht aggro, zumindest einer von ihnen.


Der alte Angeber war nicht wirklich erfreut, dass wir zwei dort sauber machen wollten und knurrte uns die ganze Zeit an. Jedesmal wenn ich ihm meinen Rücken zudrehte, bauschelte er sich hinter mir auf und machte irgendwelche Bewegungen, um mich einzuschüchtern. Aber wie bei allen Angebern hilft es, sie einfach mal zu ignorieren. :) Schon bald verlor er das Interesse und ließ uns in Ruhe arbeiten.

Nach getaner Arbeit war dann der große Moment gekommen.


Fütterungszeit der Babies! Tamela kam mit zwei vorgewärmten Fläschchen Milch auf uns zugelaufen und führte uns zum Babygehege der Wallabies.

Dort war ein kleiner Beutel aufgebaut, also wie eine Art Miniaturschaukel, an der ein plüschiger Sack befestigt ist, in dem die kleinen Wallabies chillen. Sie gab uns kleine Stoffbeutel und bat uns darum, dass jeder von uns ein Wallaby aus dem Gehege holt, sich auf den Schoß setzt und dann mit dem Fläschchen füttert.

Gesagt, getan.

Es war ziemlich einfach die kleinen in die Beutel zu bekommen. Wir mussten ihn nur aufhalten und sie machten quasi von alleine einen Purzelbaum hinein. Easy!

Kuscheliger Stoffbeutel für Babywallabies

Wir hielten den Wallabies die Augen zu, damit sie den Mund öffneten und anfingen zu saugen. Fläschchen rein und schon tranken sie, bis sie satt waren.


Unsere Fütterung blieb allerdings nicht unbemerkt. In der Nähe des Geheges liefen die ganze Zeit schon neugierig Emus herum, die sichtlich daran interessiert waren, was wir da so machen. Einer von ihnen schlich sich von hinten an Kati heran, als sie gerade dabei war eines der Wallabies zu füttern. Ich filmte gerade für unser Video und konnte mich innerlich vor Lachen nicht mehr halten. Kati hat nichts gemerkt und der Emu schaute ihr minutenlang über die Schulter.


Das Füttern der Kleinen war unser Highlight des Tages und wir verbrachten den Rest des Nachmittags im Babygehege.

Hermann füttert putziges Wallaby Baby

Eine ganze Weile später sind wir dann ins Haus zurück, wo uns Tamela noch einmal zu dem Korb führte, in welchem wir zu Beginn schon einmal hineingeschaut hatten.



Fütterungszeit, die Zweite.

Nun waren die kleinsten an der Reihe, schließlich haben die auch Hunger. Das Erste konnten wir einfach heraus nehmen und setzten es auf den Küchenboden. Es fing sofort an zu hoppeln und machte sich auf in Richtung Fressnapf, in dem schon frische Äpfel und Süßkartoffelscheiben bereit lagen. Dann wühlten wir vorsichtig tiefer im Korb.


Schicht um Schicht schoben wir die Decken zur Seite, bis wir ein klitzekleines, noch nacktes Wallaby vorfanden.

Vorsichtig hoben wir es heraus und Tamela bat uns, es einzucremen. Normalerweise herrscht im Beutel eines Kängurus immer eine gewisse Feuchtigkeit, die die verletzliche Haut des Neugeborenen in Takt und geschmeidig hält. Da dieses Baby aber keinen natürlichen Beutel seiner Mutter mehr hatte, mussten wir mit einer speziellen Feuchtigkeitscreme nachhelfen.


Das Ganze musste relativ schnell gehen, weil die Gefahr bestand, dass das Junge sonst unterkühlt. Also husch husch, das Schwänzchen zuerst, dann die Füßchen und zu guter Letzt noch ein wenig den kleinen Kopf. Alles eingecremt? Dann nichts wie zurück in die warmen Decken im Körbchen.

Wir hatten noch nie zuvor so ein junges Kängurubaby gesehen, so verletzlich und hilflos.

Das etwas größere der beiden hoppelte derweil immer noch munter in der Küche umher und aß genüsslich die Apfelscheiben.


Langsam näherte sich das Ende unseres Tages in der Tierrettungsstation


Wir gingen noch einmal in den Hinterhof, fütterten eine Eule, deren Flügel gebrochen war und einen schwarzen Kakadu, der so lieb, zutraulich und aufgeweckt war, dass sich alleine ein Besuch, nur um ihn zu sehen, gelohnt hätte. Wir sammelten noch ein paar frisch gelegte Hühnereier, schauten den Emus dabei zu, wie sie aus den Wassernäpfen tranken, bevor wir uns langsam auf den Heimweg machten.


Unser Fazit zur Tierrettungsstation in Fitzroy Crossing

  • Um es kurz zusammen zu fassen: Wir haben uns verliebt!

Seit unserem ersten Besuch bei Tamela und ihren Tieren gehen wir nun so oft es geht dorthin und helfen mit, alles in Stand zu halten und die Tiere aufzupäppeln. Ich kann es nur nochmal schreiben, sie betreibt dieses gesamte Projekt zu 100% freiwillig und freut sich deswegen über jede Hilfe, die Sie bekommen kann. Es ist der Hammer, dass es hier in Fitzroy Crossing jemanden gibt, der sich um all die verletzten und kranken Tiere kümmert.


Wir nehmen diese Erfahrung aus Australien auch auf unsere Weltreise mit und haben uns vorgenommen, dass wenn wir wieder mal so einem Projekt über den Weg laufen, wir wieder mit anpacken und helfen werden.


Und so hat Tamelas Tierrettungsstation nicht nur den Tieren, sondern auch uns etwas gebracht.



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Kati + Hermann

Wir sind zwei Backpacker und Reiseblogger, die ihr konventionelles Leben vor vielen Jahren hinter sich gelassen haben. Auf unserer Weltreise erkunden wir ferne Länder und lassen uns gerne treiben. Am liebsten abseits des Mainstream. 

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